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Der Bitch-Fight – eine rechtliche Analyse

Der Bitch-Fight – eine rechtliche Analyse

 

 

Der Bitch-Fight (deutsch: Zickenkampf) ist ein Phänomen, dass auch immer häufiger an deutschen Schulen auftritt. Während es von den Jugendlichen und Heranwachsenden oft als Bagatelle abgetan wird, werden tatsächlich zahlreiche strafrechtliche Tatbestände erfüllt. Auch ein zivilrechtlicher Schadensersatzanspruch steht schnell im Raum. Der Beitrag soll über das Phänomen aufklären und aufzeigen, dass es sich keinesfalls um eine harmlose Bagatelle, sondern durchaus um eine strafbare Handlung halten kann.

 

 

Was ist ein Bitchfight?

 

Auf Schulhöfen wurde sich schon immer gestritten. Jedoch hat die Intensität und Nachhaltigkeit der Streitigkeiten deutlich zugenommen.

 

Ein sogenannter Bitchfight fängt immer gleich an. Umringt von zahlreichen Jugendlichen und Heranwachsenden beschimpfen sich zwei Mädchen. Dabei werden sie von der Menge bejubelt, unterstützt und für besonders raffinierte „Sprüche“ vom Publikum „gefeiert“.

 

Irgendwann ist eine der Beteiligten derart in die Enge getrieben, dass sie zum ersten Schlag oder Tritt ausholt.

 

Unter tosendem Applaus der Menge beginnen die Mädchen zu kämpfen. Wer jetzt zwei zurückhaltende Mädchen vor Augen hat, die sich gelegentlich in den Haaren ziehen - irrt gewaltig. Die Kämpfe stehen anderen Straßenkämpfen, an Brutalität und Intensität, in nichts nach. Faustschläge ins Gesicht, Tritte an den Kopf und Körper einer bereits am Boden liegenden Kontrahentin sind keine Seltenheit. Geht der Kampf nicht in die gewünschte Richtung, kommt auch schnell mal ein „Verbündeter“ hinzu, um durch einen gezielten Tritt aus der Menge, dass Blatt für die Freundin zu wenden. Nicht selten wird dies zum Anlass des anderen Lagers genutzt, um  einen Bitch-Fight zu einer Massenschlägerei eskalieren zu lassen. Das ganze surreale Szenario wird von der gaffenden Menge mit ihren gezückten Handys aufgenommen und später auf YouTube und anderen Social Media Kanälen veröffentlicht.

 

 

Strafrechtliche Relevanz der Kämpfenden

 

 

Wie oben schon angeklungen, werden bei einem Bitch-Fight mitunter zahlreiche Normen des Strafrechts tangiert. Da auch ein Bitchfight, als dynamischer Kampf, an Intensität und Brutalität, individuell verläuft, können hier nur die typischen Normen behandelt werden.

 

 

Beleidigung strafbar gem. § 185 StGB

 

Dort heißt es;

 

 

„Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Beleidigung mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“

 

 

Tatbestand

 

Die Beleidigung setzt einen rechtswidrigen Angriff auf die Ehre eines anderen durch vorsätzliche Kundgabe der Missachtung oder Nichtachtung voraus.

 

Hierbei handelt es sich um eine sogenannte Äußerungstat, bei der völlig unerheblich ist, ob die Äußerung verbal, bildlich, schriftlich oder durch schlüssiges Verhalten verkündet wird. Hier reicht es also aus, dass die missachtende Äußerung von dem Adressat als solche wahrgenommen und verstanden wird. Dies ist bei den typischen Beleidigungen (z.B. Schlampe, Hure, Hurensohn etc.) unproblematisch der Fall. Dies ist auch in aller Regel rechtswidrig. Denn insbesondere eine rechtfertigende Notwehr dürfte aufgrund der fehlenden Geeignetheit, um einen rechtswidrigen Angriff abzuwehren, ausscheiden.

 

Bedrohung strafbar gemäß § 241 StGB

 

Dort heißt es,

 

„(1) Wer einen Menschen mit der Begehung eines gegen ihn oder eine ihm nahestehende Person gerichteten Verbrechens bedroht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

 

(2) Ebenso wird bestraft, wer wider besseres Wissen einem Menschen vortäuscht, daß die Verwirklichung eines gegen ihn oder eine ihm nahestehende Person gerichteten Verbrechens bevorstehe.“

 

 

Tatbestand

 

Unter einer Drohung versteht die Rechtsprechung, dass Inaussichtstellen eines künftigen Übels, auf dessen Eintritt der Drohende Einfluss hat oder zu haben vorgibt. Darauf ob der Bedrohte die Drohung ernstnimmt, kommt es ebenso wenig an wie darauf, ob der Drohende die Drohung auch wirklich verwirklichen will. Entscheidend ist, ob die Drohung ernstgemeint war und als solche auch objektiv verstanden werden konnte.

 

Anders als bei der Nötigung (§ 240 StGB) muss der Drohende mit der Begehung eines Verbrechens drohen.

 

Ein Verbrechen ist nach § 12 StGB jede rechtswidrige Tat, die mit einer Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr bedroht sind.

 

Die häufigsten Bedrohungen im Zusammenhang mit einem Bitchfight dürften demnach die schwere Körperverletzung (§ 226 StGB) und der Totschlag (§ 212 StGB )sein.

 

Droht also eine der Kontrahentinnen bereits im Vorfeld damit, der anderen Duellantin etwa ein Auge, die Gliedmaßen etc. abzureißen bzw. auszustechen oder sie ggf. umzubringen, könnte der Tatbestand der Bedrohung bereits erfüllt sein.

 

Ob hier jedoch die Ernsthaftigkeit bejaht werden kann, kann aufgrund des typischen Sprachgebrauchs unter Jugendlichen bezweifelt werden. Hier gilt es im Einzelfall konkret zu prüfen, ob der Tatbestand wirklich erfüllt ist.

 

Körperverletzung, strafbar gemäß § 223 StGB

 

Dort heißt es,

 

„(1) Wer eine andere Person körperlich mißhandelt oder an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

 

(2) Der Versuch ist strafbar.“

 

 

Tatbestand

 

Unter einer körperlichen Misshandlung versteht die Rechtsprechung, ein übles unangemessenes Behandeln, dass entweder das körperliche Wohlbefinden oder die körperliche Unversehrtheit nicht nur unerheblich beeinträchtigt.

 

Unter Gesundheitsschädigung hingegen versteht die Rechtsprechung, das Hervorrufen oder Steigern eines wenn auch nur vorübergehenden pathologischen Zustands.

 

Dies ist ganz unproblematisch bei einem körperlichen Angriff, also durch Schläge, Tritte, Haare ziehen etc. zu bejahen.

 

Folglich wird durch jeden Kampf „grundsätzlich“ der Tatbestand der Körperverletzung oder der versuchten Körperverletzung erfüllt.

 

Ob sich beide Duellantinnen hingegen strafbar gemacht haben, ist kritisch zu prüfen. Denn ggf. handelte eine lediglich in Verteidigungsabsicht (Notwehr).

 

Gefährliche Körperverletzung, strafbar gemäß § 224 StGB

 

Dort heißt es,

 

„(1) Wer die Körperverletzung

 

1. durch Beibringung von Gift oder anderen gesundheitsschädlichen Stoffen,

 

2. mittels einer Waffe oder eines anderen gefährlichen Werkzeugs,

 

3. mittels eines hinterlistigen Überfalls,

 

4.mit einem anderen Beteiligten gemeinschaftlich oder

 

5.mittels einer das Leben gefährdenden Behandlung

 

begeht, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren, in minder schweren Fällen mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

 

(2) Der Versuch ist strafbar.“

 

 

Tatbestand

 

Zunächst muss eine Körperverletzung stattgefunden haben. Die muss zudem mittels einer Waffe (z.B. Messer wie Butterfly ) oder eines (was wesentlich häufiger vorkommt) gefährlichen Werkzeuges begangen worden sein.

 

Gefährliches Werkzeug.

 

Nach der Rechtsprechung ist ein gefährliches Werkzeug, jeder Gegenstand, der nach seiner objektiven Beschaffenheit und nach Art seiner Benutzung im Einzelfall dazu geeignet ist, erhebliche Körperverletzungen zuzufügen. Als solche Gegenstände wurden bereits durch die Rechtsprechung anerkannt, Knüppel, Baseballschläger, Eisenstangen, Schlauch oder eine Gabel. Besondere Bedeutung kommt der Rechtsprechung bzgl. der Bekleidung zu. So kann bereits ein fester Schuh, etwa bei Tritten gegen den Kopf, als gefährliches Werkzeug ausgelegt werden.

 

Spätestens bei diesem Delikt kann unter keinen Umständen mehr von einer Bagatelle gesprochen werden. Nicht nur das hier ernsthafte und nachhaltige Verletzungen zugefügt werden können, hier beginnt bereits das Strafmaß bei sechs Monaten Freiheitsentziehung, die bis zu fünf Jahren ausgeweitet werden kann.

 

Selbstverständlich sind die oben genannten in Frage kommenden Straftatbestände nicht abschließend. Ebenso denkbar wäre auch eine Strafbarkeit wegen Sachbeschädigung oder anderer Delikte.

 

Strafrechtliche Relevanz des Publikums

 

 

Nicht nur die Kämpfenden können sich wie aufgezeigt strafbar machen. Auch das Publikum läuft Gefahr, für ihr Verhalten strafrechtlich verfolgt zu werden.

 

So wäre etwa eine Strafbarkeit wegen Nötigung denkbar, wenn die Masse um die Duellanten geschlossen ist und somit dafür sorgt, dass niemand aus diesem Kreis entkommen kann.

 

Auch ist eine Anstiftung durch die Zurufe, -endlich mit dem Kampf zu beginnen- denkbar. Nicht selten wird eine zuvor verbale Auseinandersetzung erst dadurch zu einem Kampf bzw. einem Angriff, weil die Kontrahenten durch die Zurufe und den Erwartungen der Masse angestachelt werden.

 

Unter dem Slogan“ never stop a bitchfight“ verbirgt sich zudem schnell auch eine Strafbarkeit wegen unterlassener Hilfeleistung ( § 323c StGB).

 

Werden aus den „passiv“ Herumstehenden“ aktive Teilnehmer, indem sie etwa durch gezielte Schläge und Tritte in den Kampf eingreifen, liegt eine Strafbarkeit wegen Beteiligung an einer Schlägerei gemäß § 231 StGB vor.

 

 

Dort heißt es,

 

„(1) Wer sich an einer Schlägerei oder an einem von mehreren verübten Angriff beteiligt, wird schon wegen dieser Beteiligung mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn durch die Schlägerei oder den Angriff der Tod eines Menschen oder eine schwere Körperverletzung (§ 226) verursacht worden ist.

 

(2) Nach Absatz 1 ist nicht strafbar, wer an der Schlägerei oder dem Angriff beteiligt war, ohne daß ihm dies vorzuwerfen ist.“

 

 

Wichtig ist, sind die oben genannten Tatbestandsvoraussetzungen erfüllt, namentlich ein durch mehrere verübter Angriff (ab drei Personen)dadurch Begehung einer schweren Körperverletzung, werden nicht nur die bestraft, die auch tatsächlich zugeschlagen oder zugetreten haben, sondern auch diejenigen, die vielleicht einfach nur dabei standen und das Geschehen ggf. gefilmt haben.

 

Zivilrechtliche Relevanz

 

 

Eine immer häufiger auftretende Unsitte ist es, dass Personen in ganz offensichtlichen Notlagen mit dem Handy gefilmt werden und dieses Video später dann über YouTube veröffentlicht wird. Dadurch wird nicht selten die geschädigte Person über Jahre hinweg denunziert, objektiviert und nachhaltig gedemütigt. Das Filmen eines Bitchfight kann unter bestimmten Voraussetzungen auch den strafrechtlichen Tatbestand des § 201a StGB erfüllen.

 

 

Was es aber immer tut, ist das Persönlichkeitsrecht (Recht am eigenen Bild) der gezeigten Personen zu verletzen. Hier steht dem Geschädigten ein sogenannter Unterlassungsanspruch sowohl gegen denjenigen zu, der das Video / Bild veröffentlicht hat, als auch ein Löschungsanspruch gegen den Betreiber, auf dessen Plattform das Video oder das Bild veröffentlicht worden ist (z. B. YouTube).

 

 

Darüber hinaus kann auch ein Anspruch auf Schadensersatz und oder Schmerzensgeld bestehen.

 

 

Was sollten Eltern tun?

 

 

Wenn Sie als Eltern davon erfahren, dass Ihre Tochter Opfer, Täterin oder Beteiligte eines Bitchfightes war, empfiehlt es sich oft zu handeln und sich ggf. rechtlichen Rat einzuholen. Ist sie etwa Beschuldigte, sollten schon frühzeitig die Weichen einer erfolgreichen Verteidigung gelegt werden. Denn wie aufgezeigt worden ist, handelt es sich keinesfalls um eine Bagatelle. Vielmehr kann eine ernsthafte und ggf. mit Freiheitsstrafe zu ahnende Jugendstraftat vorliegen.

 

Sollte Ihre Tochter hingegen Opfer / Geschädigte sein, kann sich ebenfalls ein Besuch bei einem Rechtsanwalt empfehlen. Denn je nach Strafverfolgungsbehörde werden die Delikte, gerade wenn es sich bei den Tätern um Mädchen handelt, immer noch als Bagatelle abgetan. Hier kann durch die Mitwirkung als Nebenkläger oder im Falle einer Ablehnung als Privatkläger, auf die Strafverfolgung Einfluss genommen werden. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, im Rahmen eines Strafverfahrens / Jugendstrafverfahrens auch die zivilrechtlichen Ansprüche (im sogenannten Adhäsionsverfahren) geltend zu machen, ohne dass man, wie im Zivilprozess, die Gerichtskosten vorschießen müsste.

 

 

 

Selbstverständlich stehen wir Ihnen sowohl beratend und vertretend als auch als Strafverteidiger in Dortmund, Schwerte, Lünen, Hamm, Bochum Essen und Umgebung, kompetent und ergebnisorientiert zur Seite.

 

 

Ihr Marcus Scholz

Rechtsanwalt